25.04.2022: Wohin mit dem Unternehmerinnen-Gen? Fachartikel zu Wegen in die Selbständigkeit.

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Die Autorin: Jutta Beyrow

Die Autorin: Jutta Beyrow ist Dipl.-Kauffrau und Inhaberin der B3-Beyrow Business Beratung. Als Beraterin unterstützt sie Menschen auf dem Weg in die Selbständigkeit.

Unternehmensgründung und Unternehmensnachfolge im Fokus

Viele Frauen stellen sich im Laufe ihres Lebens die Frage nach einer beruflichen Selbständigkeit. Die Beweggründe und Ausgangslagen sind dabei sehr unterschiedlich. Deswegen gibt es auch nicht die eine klassische Gebrauchsanweisung zum Start in die Selbständigkeit. Grundsätzlich lassen sich drei Kategorien von Starterinnen in die Selbständigkeit beobachten.

  1. Ich habe die Idee!
    Sie haben in Ihrem Berufs- oder Privatleben die Lösung für ein bestimmtes Problem entwickelt und brennen nun für die Umsetzung. Um sich mit dieser Idee zu verwirklichen, ist die Selbständigkeit nur die logische Schlussfolgerung. Wer diesen Weg einschlägt, muss jedoch stark darauf achten, ob das Interesse am Markt wirklich groß genug ist (Zielgruppe), ob es nicht vielleicht schon mehr Angebote auf dem Markt gibt als gedacht (Markt- und Wettbewerbsforschung) und natürlich muss sich das neue Produkt oder die Dienstleistung am Ende auch rechnen (Wirtschaftlichkeit). Selbständige mit dieser Intention haben ihr Ziel klar vor Augen. Hier gilt es, mit einem guten Handlungsplan und gesetzten Meilensteinen die eigenen Ziele Schritt für Schritt zu verfolgen.
  2. Gründungen aus der Not
    Hierzu zählt eine Gründung, wenn Sie sich aufgrund äußerer Ereignisse beruflich neu orientieren müssen, aber nicht die gewünschte Festanstellung finden und sich deshalb in Ermangelung von Alternativen selbständig machen.
  3. Ich wäre so gerne selbständig. Aber womit?
    Diese Kategorie ist wahrscheinlich die größte. Gemeint sind hier Frauen, die schon immer Lust hatten, ihre eigene Chefin zu sein. Allerdings fehlt ihnen die zündende Idee. Sie suchen nach einem Alleinstellungsmerkmal, mit dem sie sich auf dem Markt abheben können. Oft haben diese Frauen einen guten Blick, um Unternehmensstrukturen zu optimieren, verfügen über natürliche Führungsbegabung oder entwickeln große Energien, wenn sie sich mit kreativen Ideen und guten sozialen und beruflichen Netzwerken für eine „bessere Welt“ einsetzen. Diese Frauen sind meist auch bereit, ein kalkulierbares Risiko einzugehen, um ihren Wunsch nach mehr beruflicher Selbständigkeit auszuleben.

Nachfolge: In Deutschland lauert ein riesiges Potenzial

Genau diese Frauen sind beim Thema Nachfolge angesprochen. Denn nach Erhebungen des Instituts für Mittelstandsforschung (IfM) Bonn stehen in den nächsten Jahren (2022-2026) rund 190.000 Unternehmen zur Übergabe an, davon fast 40.000 in NRW. Die Hälfte kommt aus dem Bereich der unternehmensbezogenen Dienstleistungen, gefolgt von produzierendem Gewerbe, personenbezogenen Dienstleistungen und Handel. Bei diesen Zahlen wurden Unternehmen mit weniger als 100.000 € Umsatz allerdings noch gar nicht erfasst. Es ist davon auszugehen, dass diese Kategorie der Kleinstunternehmen einige Tausend Unternehmen ausmacht. Sei es die Änderungsschneiderei, die Musikschule, die PR-Agentur oder der Fliesenleger, die als Solo-Selbständige, vielleicht mit geringfügig Beschäftigten, ihr tägliches Brot verdienen. Häufig werden diese Betriebe bei Erreichung des Rentenalters geschlossen, weil der Aufwand einer Nachfolge (Suche Nachfolger*in, Einarbeitung, Preisermittlung etc.) für die Übergebenden zu groß ist.

„Liebe Frauen, wenn ihr den Weg der beruflichen Selbständigkeit wählt, schaut unbedingt, ob die Unternehmensnachfolge eine Option für euch sein könnte. Traut euch, Unternehmerinnen und Unternehmer, die bald das Rentenalter erreichen, bezüglich einer Unternehmensnachfolge anzusprechen, wenn ihr ein für euch interessantes Unternehmen ausmacht. Überlasst das Feld der Unternehmensnachfolge nicht allein den Männern. Der Frauenanteil von derzeit etwa 20 % lässt sich in den nächsten Jahren bestimmt signifikant erhöhen.“ Jutta Beyrow

Die Folgen für Städte, Quartiere und die Wirtschaft werden wir eines Tages vermutlich alle spüren: Es gibt immer weniger individuelle Kleinunternehmen, die Anzahl der Filialisten wächst, der Wettbewerb sinkt und ermöglicht höhere Preise für die wenigen größeren, am Markt aktiven Unternehmen.

Wer suchet, die findet: Die Chance für den Weg in die Selbständigkeit

Auf der anderen Seite ergeben sich daraus attraktive Perspektiven für Frauen, die gerne ihre eigene Chefin sein möchten. Denn eine Unternehmensnachfolge bietet zahlreiche Vorteile gegenüber einer Neugründung. Hier nur einige Beispiel:

  • Das Unternehmen ist bereits am Markt etabliert.
  • Der Umsatz erfolgt bereits bei Übernahme, also vom ersten Tag an und nicht erst nach einer längerer Anlaufphase.
  • Eine vorausschauende Planung ist aufgrund der Unternehmenshistorie besser möglich. Das finden insbesondere Banken positiv. Somit ist eine Finanzierung häufig einfacher.
  • Übertragene Unternehmen weisen eine höhere Erfolgsquote auf als Neugründungen.

Das bedeutet nicht, dass eine Nachfolge immer ohne Risiko erfolgen kann. Deshalb prüfen auch die Banken bei einer Finanzierung sehr gründlich, ob das Unternehmen übergabefähig ist und noch wirtschaftlich arbeitet.

Wenn die Übernahme eine Option für die Selbständigkeit ist, beginnt zunächst die große Suche nach einem passenden Unternehmen. Hier sind Kreativität und Unternehmerinnengeist gefragt. Fündig wird frau zum einen in Unternehmensbörsen (z.B. www.nexxt-change.org). Zum anderen ist individuelles Engagement nach dem Motto „Sprechenden kann geholfen werden“ gefragt. Anfragen können Sie bei Kammern (IHK/HWK) und Berufsverbände stellen. Aber es lohnt sich auch, Unternehmerinnen und Unternehmer persönlich anzusprechen, die schon älter sind, und sie direkt nach ihren Plänen für den Ruhestand zu fragen.

Weitere Informationen zur Suche nach einem Unternehmen finden Sie in unserem Tutorial Unternehmensnachfolge für Frauen 3: „Ein Unternehmen finden“ auf unserer Website. Dazu Links, Videos und Know-how zum Thema Nachfolge besonders für Frauen und zahlreiche Best-Practice-Beispiele: www.unternehmensnachfolge-frauen.de

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